Rückblick: Cultura21 Forum – „Die Kultivierung von Ökologie(n): Gärten und Komplexität in landschaftlichen und urbanen Räumen“

Der folgende Artikel wurde von Janna Gehrke verfasst. (Mehr über die Autorin am Ende des Textes):

Vom 23. bis zum 25. September 2011 fand zum ersten Mal das Cultura 21 Forum im Studio Kunst und Landschaft in Hude statt. Das Forum bildet den Auftakt für weitere Foren im jährlichen Rhythmus. In diesem Jahr widmete sich die Veranstaltung dem Leitthema: „Die Kultivierung von Ökologie(n): Gärten und Komplexität in landschaftlichen und urbanen Räumen“. Sie schuf eine ideale Plattform für den Austausch zwischen Cultura21-Mitgliedern, Besuchern aus der Region und internationalen Gästen. Erklärtes Ziel des Forums war es, Netzwerke auszutauschen, Kunst und Nachhaltigkeit zu kombinieren und Interesse für das Thema Gärtnern zu wecken.

Freitag

Einen stimmungsvollen Auftakt bot am Freitag Insa Winklers Führung durch den Landschaftsgarten in der Abendsonne. Neben einem in weiß gestalteten Garten und dem klassisch englischen Garten konnte auch ein mediterraner Garten sowie das Wildparterre, eine Wildkräuterwiese, besichtigt werden. All diese Gartenschätze erstrecken sich auf 7000m² und sind durchzogen von Kunstobjekten. Darunter befinden sich zum Beispiel die von der Umweltkünstlerin Insa Winkler so getauften „Tamagotchis“; bepflanzte Kunstobjekte, die aufgrund des hohen Pflegebedarfs während einer Ausstellung in Hamburg zu ihrem Namen kamen.

Eine Reihe namens Vegitabilibus bildet einen Blickfang des Geländes. Ihr Entstehungsprozess lässt sich auf die Auseinandersetzung der Umweltkünstlerin Insa Winkler mit Albertus Magnus zurückführen, der festhielt: Die Wurzel ist der Mund der Pflanze. Das Ergebnis daraus sind Kunstwerke, die ohne Sockel gleichsam aus der Erde wachsen.

Nach dieser Einführung gaben drei Referenten einen tieferen Einblick in das Thema, im Folgenden sollen die Kerninhalte zusammengefasst dargestellt werden:

„Gardens and aesthetics of sustainability” (Sacha Kagan, Cultura21 Institut e.V., Lüneburg)

Gärten können als Herangehensweise verstanden werden, um den Status von „Kulturen der Nachhaltigkeit“ zu erreichen. Sie bilden die Suche nach Modellen der Zivilisation und nach einem dynamischen Gleichgewicht ab. Nach Morin ergibt sich die Gelegenheit, Einheit und Vielfalt nebeneinander zu denken und sich nicht gegenseitig ausschließen zu lassen. Auch Unordnung kann vor Augen führen, dass es gerade die Gegensätze sind, die Schönheit ausmachen. Dies schafft eine intensive Sensibilität gegenüber den Komplexitäten des Lebens.

Nach Gilles Clément ist die Natur in Gärten als kontinuierliche Verwandlung anzusehen. Drei grundlegende Ideen eines Gartens liegen seinen Überlegungen zu Grunde:

  • Der jardin en mouvement als ehemals genutzer, aber vernachlässigter Garten, der nicht der ständigen Kontrolle unterworfen ist. Der Mensch beobachtet den Garten eher als dass er ihn aktiv gestaltet und stellt eine Balance her, sodass Vielfalt mit wenigen Mitteln vermehrt werden kann.
  • Der Gedanke des jardin planétaire sieht die ganze Welt als einen Garten und gibt dabei zu bedenken, dass die ökologischen Grenzen der Biosphäre erreicht sind und durch zunehmende Vermischung aufgrund von menschlichen Aktivitäten sowohl positive als auch negative Effekte durch neue Gattungen entstehen können. Hierbei steht der Gedanke im Vordergrund, die Vielfalt des Gartens zu nutzen, ohne sie zu zerstören.
  • Hinter Tiers-Paysage verbergen sich subtile, nicht interventionistische Interventionen, die Brachflächen sowie unbenutzte Flächen als allemöglichen Räume für den Unentschlossenen, Räume für die Zukunft. Die folgenden Worte von Abbé Sieyès sind auch auf die dritte Landschaft übertragbar: „Was ist der dritte Stand? – Alles. Was ist er bisher in der politischen Ordnung gewesen? – Nichts. Was verlangt er? Etwas zu werden.“

„Über Urban Gardening“ (Dr. Christa Müller, Netzwerk Interkulturelle Gärten, Berlin/München)

2007 lebten bereits mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Aus dieser Entwicklung heraus ist folgerichtig auch die Rückkehr der Gärten in den städtischen Raum und eine (Wieder-)Entdeckung der Lust am Gärtnern zu beobachten. Der Vormarsch der Gärten hat zwar nicht erst gestern eingesetzt, jedoch gerät er heute zunehmend in das Interesse der medialen Aufmerksamkeit und führt so zu einem neuen Verständnis von Urbanität, in dem sich Natur und Stadt nicht gegenseitig ausschließen, sondern Gärten zu einem Raum werden, in dem Natur und Soziales verschmelzen und für ein neues Bewusstsein bezüglich des Wertes von Zeit, Konsum und Gemeinschaft sorgen. Dies eröffnet Chancen einer integrativen und Gemeinschaft schaffenden Wirkung des Gärtnerns in der Stadt. Die Gründe für die wachsende Beliebtheit des urbanen Gärtnerns lassen sich durch den Wunsch nach etwas sinnlich Erlebbaren und nach neuen Formen der Begegnung in Zeiten der zunehmenden Individualisierung, Virtualisierung und Ökonomisierung der Welt erklären.

Die Stadt bildet so den idealen Nährboden zur Probe neuer, nachhaltiger Sozialstrukturen und führt angesichts der drohenden, internationalen Nahrungsmittelkrise Alternativen vor Augen und befeuert die politische Diskussion, ob eine neue Welt nicht auch pflanzbar ist.

„Sustensive Gardens“ (Dr. Oleg Koefoed, Cultura21 Nordic, Kopenhagen)

Dekomposition und Detotalisation von Sicherheiten sorgen für eine ständige Transformation der Welt und ebnen den Weg für einen Veränderungsprozess. Dieser Prozess erzeugt ein Spannungsfeld, das die größtmögliche Vielfalt an Formen umfasst, ohne diese dabei zu zerstören. Die Möglichkeiten werden so durch die Steigerung der Aufnahmefähigkeit für Komplexität erhöht.

Die Unvollkommenheit des Menschen lädt geradezu ein zu offenen Prozessen, da wir uns immer mit Dingen verbinden müssen, die außerhalb unseres Selbst liegen. Für das Gärtnern bedeutet dies einen Schritt heraus aus dem Alltag, angetrieben von verschiedensten Kräften. Es werden sustensive Räume gebildet, in denen Kreativität, historisches Wissen, Gemeinschaft und Partizipation ausgelebt werden können und zusammen die Grundlage eines alternativen Lebensstils formen. Hinzu kommt die Möglichkeit, eine Verbindung von Vergangenheit und Zukunft herzustellen, beispielsweise durch alte Pflanzensorten und seltene Gattungen.

Gartenprojekte aus Dänemark dienen als Beispiele des Prozesses: Prags Have ist ein altes Fabrikgrundstück, das sich nach und nach verändert hat und durch die Nutzung an Attraktivität gewinnt. Inzwischen unterstützt die Stadt Kopenhagen das Projekt und ermöglicht den Bürgern, dort beispielsweise ihr eigenes Gemüse anzubauen. Inzwischen existiert dort ebenfalls eine Gemeinschaftsküche und sogar ein Konferenzraum in Form eines Caravans in den Bäumen.

Auch Amager Commons bildet ein Gebiet in Kopenhagen, das in letzter Zeit für Urban Gardening Projekte genutzt wird. Dies ist eine riesige Brachfläche, die teilweise zur Stadtteilentwicklung der Ørestaden Kopenhagens genutzt wird. Somit entsteht ein Kampf zwischen Landschaft und Stadtentwicklung. Zumeist sind diese Gartenprojekte sehr verletzlich, da sie auf Unterstützung und Investitionen angewiesen sind. Oftmals bleibt hier die politische Hemmung durch Gesetze stärker.

Samstag

Der Sonnabend stand im Zeichen eines Workshops, der im Rahmen einer mobilen, alternativen Universität, der University of the Trees, von Shelley Sachs und Dr. Hildegard Kurt geleitet wurde. Dieses Netzwerk beschäftigt sich mit der Frage: Was ist Wissen und woher wissen wir das? Es beruht auf der Grundlage, dass wir alle zugleich Studenten und Lehrer sind, aber dass auch die Bäume unsere Lehrer sind. Hier gilt es das schlafende Potential zu wecken, dass in jedem von uns steckt.

Auf einem Rundgang durch den Garten, die Nachbarschaft und den nahegelegenen Wald galt es nun, sich auf die Bäume der Umgebung zu besinnen und mit Bändern an diesen Bäumen ein Bewusstheitsfeld zu schaffen, auf das anschließend eingegangen werden sollte. In der darauf folgenden Gruppenarbeit stand die Erde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. In der Gruppe wurde der Bezug zur Erde hergestellt und somit das Bewusstsein für diese wertvolle Ressource gestärkt. Durch die Anwendung der Methode des aktiven Zuhörens wurde eine sehr angenehme Atmosphäre für Denkprozesse geschaffen, die Bewusstseinsbildung und Besinnung förderte.

Am Nachmittag konnten erste Impulse für Diskussionen, die teilweise bereits am Freitag Abend aufgeworfen wurden, in Open Space Sitzungen aufgegriffen und vertieft werden. Dabei wurde beispielsweise auf folgende Themen näher eingegangen: Gärten als Experimentierräume für nachhaltige Lebensstile, Reisen – Warum finden wir Landschaft schön? und Privatisierung. Durch die offene Gestaltung der Arbeitsmethode konnte hier verschiedenen Interessenbereichen nachgegangen werden.

Abgerundet wurde der zweite Tag des Forums durch einen Guerilla Gardening Workshop von Rana Öztürk. Das Besondere am Guerilla Gardening ist, dass öffentliche Räume wie Brachflächen durch gemeinschaftliche Pflanzaktionen aktiv verschönert werden. Dies kann sowohl als unauffälliges politisches Statement als auch als künstlerische Intervention ausgelegt werden. Es trägt zur Identitätsbildung bei und wirkt Mangel und Verwahrlosung entgegen, indem es Brachflächen wieder belebt und teilweise auch zur Selbstversorgung beiträgt. Nach einem ersten theoretischen Input über die Geschichte und Entstehung der Guerilla Gardening Bewegung, die sich in den 1970er Jahren als Form politischen Widerstands entwickelte, wurde nun auch praktisch Hand angelegt. Samen wurden gesiebt und gemischt, sodass anschließend aktiv zur Verschönerung des Dorfbildes beigetragen werden konnte. Die ersten Ergebnisse dieser Aussaataktion lassen sich hoffentlich bereits im Frühjahr beobachten.

Der Abend klang mit der Vorstellung verschiedener Garten- und Kunstprojekte im offenen Symposium sowie einem Beisammensein am Lagerfeuer aus.

Sonntag

Am Sonntag stellte Nikos sein Engagement in Griechenland vor. Den Prinzipien des „Natural Farmings“ folgend, umfasst dies unter anderem die Streuung von Samenbomben zur Verbesserung der Bodenqualität und die Begrünung der Landschaft. Dadurch soll ein Rad der Veränderung ins Rollen gebracht werden, um langfristige Erfolge zu erzielen. Der richtige Weg wurde hier bereits eingeschlagen und erste Erfolge der lokal gut verankerten Initiative bestätigen die Hoffnung und das Engagement der Mitwirkenden.

Darüber hinaus machte auch Insa Winkler auf ihr Projekt der Artenvielfaltroute in Wüsting aufmerksam, welches in Zusammenarbeit mit der Nachbarschaft und der nahegelegenen Schule das lokale Bewusstsein für das, was sich vor der eigenen Haustür abspielt, stärken soll.

Dr. Christa Müller gab abschließend für die externen Gäste eine Zusammenfassung der Inhalte des Wochenendes.

Den Gastgebern, Förderern und Mitwirkenden gilt es Dank auszusprechen für ein gelungenes erstes Cultura21 Forum.

 

 Dieser Rückblick wurde von Janna Gehrke verfasst, die ab Mitte Oktober 2011 für sechs Monate Praktikantin bei Cultura21 sein wird. Ihr Praktikum findet im Rahmen des „Leuphana Plus“ Programms der Leuphana Universität Lüneburg statt.

This post is also available in: Englisch