Ausstellung: Kind als Accessoire?

Zeit: 2005
Ort: Düsseldorf
Projektleitung: Gerald Biebersdorf
Cultura21-Beteiligung: Offener Kreis

Kinder in der „heilen Welt“ der Werbung
von Gerald Biebersdorf, Düsseldorf

Mein Haus, mein Auto, mein Boot … !

Die beiden, Polaroids auf den Tisch dreschenden, ehemaligen Schulkameraden aus der Sparkassenwerbung – die sich nach zwanzig Jahren wieder treffen und mit ihrem Erreichten brüsten – sind jedermann bekannt und spiegeln das Bewusstsein der 80er-90er Jahre wieder.

In den kürzeren Vergangenheit ist festzustellen (aus eigener Erfahrung wie auch in den Medien und der Werbung), dass sich dieser Slogan immer mehr um einen Aspekt erweitert hat: Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Kind … !

Kind wird zum Statussymbol

Das Kind wird scheinbar zum Objekt, zum Statussymbol, zum anzustrebenden Ziel, dass einfach zum Chick und zum guten Ton gehört wenn man heutzutage erfolgreich sein will. Hat man das nicht vollbracht, nicht geschafft, dann gilt man quasi als Versager.

Auffällig ist, dass der passende Partner dabei gar nicht so wichtig, er ist nicht unbedingt nötig. Aber – man braucht unbedingt ein Kind. Bei einer näheren Untersuchung der derzeitigen Medienberichterstattung, wird dieses Phänomen sofort augenscheinlich. Während z. B. für ein Fotomodell früher ein Kind fast immer ein Karrierekiller war, ist es heute geradezu eine zwingende Notwendigkeit, ein Kind zu haben, wenn man auf der Erfolgsleiter ganz weit oben stehen will. Die Kinder werden dann auch gleich mir der eigenen Karriere in gewinnbringender Weise vermarktet.

Kinderwunsch und Mutterbild

Manchmal scheint es sogar, als ob man sich für den Kinderwunsch einfach die nötigen „guten“ Gene besorgt. Berichte über Trennungen von Prominenten noch während der Schwangerschaft ohne ein Wort des Bedauerns oder gar einer Träne, lassen diese Vermutung zu.
In der Werbung, unter den Topmodels, bei anderen Prominenten wie auch an den Königshäusern ist ein wahrer Baby-Boom ausgebrochen. In der Werbung werden zur Zeit alle Motive in diese Richtung umgemünzt wobei man natürlich oder gerade auch vor dem Inbegriff des Mutterbildes – der Mariendarstellung – nicht Halt macht. Angesichts dieser Vorbilder ist es eigentlich erstaunlich, dass die Geburtenzahlen immer noch zurück-gehen.

Worum geht es in der Arbeit?

Es geht in meiner Arbeit um Phänomene des gesellschaftlichen Wandels in der heutigen schnelllebigen Zeit. Hier speziell um die Frage der Motivation des Kinderwunsches. Ich versuche, diese Phänomene aufzugreifen und mich dabei eben der  Mittel zu bedienen, die diese Phänomene erzeugen, um sie dadurch möglicherweise entlarven zu können. Ich will also keine direkte Aussage treffen, sondern Bilder erzeugen, die wie Werbung scheinen, sich also der Bildsprache der Werbung bedienen und erst auf den zweiten Blick Störungen dieser vermeintlich heilen Welt entdecken lassen. Dabei ist nicht der Fotograf der Inszenator, sondern die Eltern, die in ihren jeweiligen Rollen stecken und diese voll ausfüllen. Der Fotograf ist nur der Beobachter der Situation, welche er bestärkt und natürlich durch die Bildgestaltung verstärkt.

In meiner Arbeit entwerfe ich sehr streng konstruierte Motive, die an sich schon die Kühle und Distanz unterstreichen sollen. Hier bleibt wenig Freiraum für eine freie Entfaltung, nicht nur der des Kindes. Im besten Fall entsteht die Aussage: Das Kind merkt es noch, die Eltern schon nicht mehr.

Vielleicht ahnen sie noch etwas. Im Hinterkopf ist dabei z. B. immer die Designkritik der 50er, 60er und 70er Jahre in den Filmen von Jaques Tati, die bahnbrechenden Ideen zu neuen (normierten) Wohnformen eines Le Corbusier zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hervorgebracht hat, oder auch die Zukunftsromane von Samjatin (1920), Huxley (1932) oder Orwell (1949), die ja selbst der heutigen Zeit  Zeit noch weit voraus sind.

Die Arbeit selbst

Um die Aussage der eher profanen Bilder zu verstärken, lege ich die vier Motive im Triptychon-Format an, das im Verlauf der Kunstgeschichte eine sehr starke Wandlung durchgemacht hat und dennoch immer auch auf seine ursprüngliche Bedeutung als Altarretabel zurückweist.

In der Regel beinhaltet hier die mittlere Darstellung die wichtigste Bedeutung, die sich bei meiner Arbeit allerdings verschieden auslegen lässt. Ist das Kind im Mittelpunkt, das Leiden, oder die Eltern, die das Kind in die Richtung drängen, wo sie es hinhaben wollen, bewusst oder auch unbewusst.

Rechts und links finden sich die Beigaben, die Accessoires, die sich der Mitte zuwenden oder auch im Gegenteil, sich davon abwenden – denn, wie schon oben angesprochen: Die „heilige“ Mitte gibt es jetzt nicht mehr, die absolute Vollkommenheit (oder Wahrheit, oder Hinwendung). Diese kann sich jetzt auch in den Seitenflügeln zeigen.
Die religiösen Darstellungen auf den christlichen Retabeln wurden im Laufe der Zeit immer stärker durch weltliche oder gar profane ersetzt. Dennoch ist das Leiden Christi bis in die heutige Zeit immer wieder ein Thema des Triptychons, nicht zuletzt durch die letzten großen Kriege. Das Triptychon-Format kann hier also ideal dazu beitragen, die Bildaussage zu verstärken. Die Werbeästhetik wird durch die Aufladung und Sakralisierung ad absurdum geführt.

Kontakt
Gerald Biebersdorf
Mail: gerald.biebersdorf (at) t-online.de