Ausstellung: Fischen in der Zeit — Pescare nel tempo

Zeit: 2006
Ort: Köln
Projektleitung: Davide Brocchi
Cultura21-Beteiligung: Kooperation

Am 26. September 2006 wurde die Ausstellung mit dem Titel »Fischen in der Zeit/Pescare nel tempo« in einer Kölner Gesamtschule eröffnet. Thema der Ausstellung war das ambivalente Verhältnis zwischen Menschen und Meer.
von Davide Brocchi

Davide Dutto

Einen Schwerpunkt der Ausstellung stellt die eindrucksvolle Reportage über die alte und altertümliche Art der Schwertfischerei um die sizilianische Hafenstadt Messina dar. Die Bilder Duttos, 1961 in der Nähe von Turin geboren, eröffnen die Möglichkeit in das Geschehen dieser Tradition einzutauchen, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation übertragen wurde. Heute ist diese Kultur vom Untergang bedroht.

Claus Dieter Geissler

Claus Dieter Geissler, aus dem Kunsthaus Rhenania und 1952 in Niedersachen geboren, präsentiert hingegen fotografische Stillleben aus Alltäglichkeiten und Treibgut, der »natura morta« des Meeres. Seine 15 Palladium-Prints, in denen er dieses Edeldruckverfahren mit einer Kombination aus Fotogramm und Fotografie in Bildern inszeniert, zeigen Spuren der Zivilisation auf dem Meer. Der Blick konzentriert sich auf die schwimmenden Objekte, die zu Zeichen werden für die Bedeutung des Meeres, Ursprung allen Lebens, in der heutigen Kultur und ihren Umgang mit dem ökologischen Gleichgewicht.

Zwei Fotografen aus zwei Ländern, Italien und Deutschland, greifen nach der Geschichte des Meeres, beschreiben ein archaisches Handwerk oder fossile Fundstücke, versetzen den Betrachter in die Welt des Meeres und werden so zu »Fischern in der Zeit«.

Institut Italo Svevo

Das Institut in der Kölner City ist eine Gesamtschule, die neben einem einzigartigen pädagogischen Konzept insbesondere Mehrsprachigkeit und Interkulturalität fördert. In diesem Rahmen hat das Institut Raum geschaffen für eine Kunstgalerie, die von dem 68elf-Forum junger Kunst und Cultura21 betrieben wird. Ziel der Kooperation ist die interkulturelle und ästhetische Sensibilisierung sowie die Förderung der Kreativität der Schüler.
Cultura21 vernetzt Akteure aus Kultur, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, die sich für eine Stärkung des Kulturbewusstseins und ein soziales und ökologisches Umdenken in der Gesellschaft einsetzen.

Die Schirmherrschaft über das Projekt hat das Italienische Kulturinstitut Köln.

Hintergrund: Die traditionelle Fischerei verschwindet

fischenboot.jpgDie Feluca ist ein kleines, besonderes Boot aus Holz. An dessen Bug hängt ein langer Steg, während in der Mitte ein langer Mast von mehr als 20 Meter Höhe steht. Wer im Sommer auf der Straße entlang der Meerenge von Messina fährt, kann sicherlich einige von diesen Wasserfahrzeugen sichten. In einem ständigen Hin und Zurück befahren sie einen kleinen Abschnitt des Meeres, beginnend mit den ersten Stunden des Morgengrauens bis hin zum Sonnenuntergang. Die Felucas in dieser Meeresenge sind die letzten Überlebenden einer Flotte, die einst  über dem ganzen Tyrrhenischen Meer fuhr, um Thun- und Schwertfische zu fangen.

Auf dem Wasserfahrzeug arbeiten zwei Wächter und ein Harpunier. Die ersten beobachten das Meer von der Spitze des Mastes, mit der Aufgabe, die hellen Fische zu sichten und es dem Harpunier zuzurufen. Nach einer Sichtung eilt dieser herbei und wirft von der Spitze des Steges die Harpune auf die Beute. Auf dem getöteten Fisch prägen die Fischer mit den Händen das Symbol des Bootes oder der Familie ein. Danach küssen sie das Opfer, die eroberte Beute. Dies ist die Tradition, die dem harten Kampf zwischen Mensch und Fisch – in weiterem Sinn also mit der Natur – folgt. Der harte Kampf ist jedoch ein gleichwertiger Kampf, bei dem der Mensch nicht zwangsläufig als Sieger hervortritt. Es reicht eine unvorsichtige Steuerung des Bootes oder ein falscher Harpunenwurf, um den Fisch flüchtig untergehen zu sehen.

Das Meer und der Fang

Wenn man an einer Treibfischerei mit der Feluca teilnimmt, scheint es, als ob man in einen der vielen Romane vom Ende des XIX Jh. über Seemannsgeschichten katapultiert worden sei. Solche Romane beschreiben eine Welt in der das Meer, einzige Existenzquelle und unberechenbarer Feind zugleich, sowohl gefürchtet als auch respektiert war und den Kern der faszinierenden Traditionen und der familiären Aberglauben darstellte. Die Traditionen um die Feluca, unter anderem, sind nicht nur auf die Fischerei bezogen, sondern auch auf die von den Fischern genutzte Ausrüstung. Eine gute Harpune oder ein wirksamer Köder sind das Werk von Handwerkern, die untereinander die Berufsgeheimnisse seit Generationen weitergeben.

Heute wird hingegen diese außergewöhnliche Ressource misshandelt und ausgebeutet. Die Techniken der traditionellen Fischerei gehen verloren, um von viel profitableren und weniger mühsamen Techniken ersetzt zu werden. Dies passiert nicht nur in Sizilien, sondern auf der ganzen Welt.
Die Schleppnetze, deren Maschen immer dichter werden, lassen jedem Tier aller Art und Größe kein Entrinnen. Sie verursachen eine enorme Verarmung des Meeresgrundes und der Ressourcen der Fischwelt, die noch vorhanden sind. Die traditionellen Arten von Fischerei in Italien, wie die „Mattanza“ (Abschlachten von Thunfischen) oder die Feluca sind hingegen selektiv, obwohl sie blutig erscheinen. Dabei werden nur die ausgewachsenen Fische bestimmter Fischarten gefangen. Und auch die Gesetze vereinfachen nicht den Schutz der Fischweltressourcen: für die Fischer ist es lohnenswerter ab und zu Strafgeld zu zahlen,als mit der unrechtmäßigen Fischerei gänzlich aufzuhören.

Der moderne Mensch steckt den Kopf in den Sand

fischenfisch.jpg Am meisten beunruhigt jedoch die Tatsache, dass das Meer nun ausschließlich als Profitquelle oder als Müllkippe betrachtet wird.

Der moderne Mensch betrachtet sich als fortschrittlich und wie ein Strauß versteckt er den Kopf und lässt die künftigen Generationen allein mit der Lösung des schwierigen – wenn nicht unmöglichen – Problems der Erschöpfung der Ressourcen, des Klimawandels und der Umweltverschmutzung. Die negativen Auswirkungen jahrelanger, rücksichtsloser Ausbeutung unserer Meere sind bereits sichtbar: die Fischereiindustrie steckt in der Krise und die Zahl der Fischarten, die ausgelöscht werden, wächst ständig. 75% aller Bestände der Meeresfischerei gelten laut FAO als erschöpft und überfischt.
Einzige Abhilfe für diesen kritischen Zustand ist die starke Begrenzung der industriellen Fischerei, um eine Wiederbevölkerung der Meere zu ermöglichen.

Die Gründe des Mittelmeeres sammeln die greifbaren Zeichen der prioritären Rolle, die dieses Meer in der Geschichte vieler europäischer Zivilisationen gehabt hat, die auf ihm gereist sind, die es erforscht haben, die auf ihm gekämpft haben und von dem sie ihren Lebensunterhalt gewonnen haben und immer noch gewinnen.

Der Respekt und der Schutz, den ein Volk gegenüber dieser Lebensquelle zeigt, ist sicher ein klares Zeichen für dessen Fortschritt.

Ausführliche Projektauswertung (PDF)

Projektsauswertung (Kurzfassung PDF, 70KB)

Pressemitteilungen (PDF, 88KB)

Ausstellungsdauer: 27. September bis 1. Oktober 2006

Ausstellungsort

68elf-Kunstraum am Institut Italo Svevo
Gladbacher Wall 5 (Nähe Hansaring/Mediapark)
50670 Köln

Projektkoordination

Davide Brocchi
Dipl.-Soz.Wiss.
Institut Cultura21 e.V.
E-Mail davide.brocchi (at ) cultura21.org

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