Veranstaltungsreihe: Subkulinaria

Zeit: 2008
Ort: Köln
Projektleitung: C21 LokalGruppe NRW
Cultura21-Beteiligung: Institut Cultura21

Projektwebsite: www.subkulinaria.de

Das gesamte Projekt wurde in einem Abschlussbericht ausgewertet, der online verfügbar ist.
www.subkulinaria.de/hintergrund.htm – Projektauswertung auwählen

Subkulinaria ist ein interdisziplinäres und interkulturelles Projekt, das dominante Lebensstile am Beispiel der Ernährung kritisch reflektiert und neue Lebensstile durch die Auseinandersetzung mit »kulinarischen Subkulturen« fördert.
von Davide Brocchi

Als Grundbedürfnis des Menschen und als multidimensionales Thema ist die Ernährung ein idealer Katalysator, um den Dialog an den unsichtbaren Grenzen im Alltag zu fördern. Menschen, die normalerweise keinen Zugang zu Kunst und Wissenschaft haben, den Kontakt zu fremden Kulturen meiden oder sich wenig für Biolandwirtschaft interessieren, sind für uns wichtige Zielgruppen.
Höhepunkt von Subkulinaria ist eine öffentliche Veranstaltungsreihe, die vom 2. August bis 31. August 2008 in Köln stattfinden wird.

Den Auftakt bildet ein symbolischer Umzug, bei dem Kulturschaffende, Performer, Verbraucher sowie Biolandwirte mit ihren Tieren vom Land in die Stadt ziehen werden. Damit wird die unbewusste Nabelschnur symbolisiert, die das Überleben der Stadt immer noch garantiert. Der Umzug mündet in einem Stadtfest auf einer grünen Wiese im Zentrum von Köln mit einer großen Bühne und zahlreichen Ständen von Biolandwirten, Gastronomen und Initiativen.

Für einen Monat bietet dann Subkulinaria ein reichhaltiges Programm aus Lesungen, Filmen, Vorträgen, Ausstellungen, Tanz- und Theatervorführungen und weitere Aktivitäten zu den Themen Landwirtschaft, Ernährung und Subkultur. Das vielfältige Kulturangebot spiegelt sich in der internen Zusammensetzung der Projektgruppe wieder: Künstler arbeiten hier mit Wissenschaftlern zusammen, Pädagogen mit Landwirten, Köche mit Medienmachern, Einheimische mit Migranten aus Köln und Umgebung. Die Stadt bietet ein unübersehbares Potenzial für Subkulinaria: Sie ist eine multikulturelle Stadt mit zahlreichen Partnerstädten; eine Kunst-, Medien- und Universitätsstadt, die von Landwirtschaft und Natur umgeben ist. Aber auch eine Stadt von Industrie und Gewerbe, was einen großen Einfluss auf die Entwicklung von (Ess-)Kulturen hatte und hat.
Als multidimensionales Thema ist die Ernährung ein idealer Katalysator für neue Verbindungen.

Positionierung

Subkulinaria ist ein visionäres Projekt. Durch die Verbindung von künstlerischen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Ansätzen wird Ernährung im Dreieck ?Ökologie – Soziales – Kultur“ beleuchtet und bewusst gemacht. Das Thema von Subkulinaria ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal. Die ?kulinarischen Subkulturen“ sind Ernährungsgewohnheiten, die am Rande der Gesellschaft oder an den Grenzen zwischen Kulturen gepflegt werden. Subkulturen dienen als gesellschaftliche Labore, in denen Alternativen erprobt und entwickelt werden. Die Inspiration für das Thema kam aus einem außergewöhnlichen Kochbuch des Journalisten Michele Marziani und des Fotografen Davide Dutto, die im April 2005 unter dem Titel: „Il gambero nero – Ricette dal Carcere“ (Dt.: Die schwarze Garnele. Rezepte aus dem Gefängnis) in Italien erschien. Das Buch ist eine Studie über die Ess- und Kochkultur der Inhaftierten der Strafanstalt in Fossano bei Turin. Journalistische Texte, Schwarz-Weiß-Fotos und gesammelte Rezepte schaffen einen Zugang zu einer Lebenswelt, die den meisten Menschen normalerweise suspekt ist und verborgen bleibt. Die Inhaftierten dürfen nur einmal am Tag in einer gemeinsamen Kantine essen. Die Not hat die Insassen erfinderisch gemacht: sie kochen auf Campingkochern, verwenden verzahnte Deckel von Blechdosen als Messer oder funktionieren zwei aufeinander gelegte Pfannen zu einem Backofen fürs Pizzabacken um. Schmuggeln von Basilikum inklusive! In einer kleinen Zelle befinden sich oft fünf bis sieben Inhaftierte. Das gemeinsame Kochen und Essen trägt dazu bei, dass das interkulturelle Zusammenleben funktioniert. Da sich unter den Insassen auch Maghrebiner, Serben oder Asiaten befinden, handelt es sich oft um interkulturelle Rezepte. Sie werden von Generation zu Generation der Gefangenen übertragen, so dass sich eine eigene kulinarische Tradition bildet.

„Il Gambero Nero“ ist nur ein Beispiel der Arbeiten, die bei Subkulinaria vorgestellt werden. Die fünf thematischen Schwerpunkte des Projektes sind:

  • Kulinarische Lebenswelte
  • Integration des Fremden
  • Ernährung in Un-Orten
  • Ernährung zwischen Natur und Kultur
  • Ernährung als Perversion

Bei Subkulinaria ist der Prozess mindestens genauso bedeutend wie die Ergebnisse. Der ausgeprägte interdisziplinäre Ansatz führt zu einem internen Wissenstransfer und benötigt eine ständige Vermittlung zwischen den Sparten. Die intra- und interkulturelle Kompetenz der Beteiligten wird bereits in der Vorbereitungsphase des Projektes trainiert. Zum Einsatz kommt sie später, in der Arbeit mit dem Publikum. Subkulinaria will absichtlich verschiedene Zielgruppen ansprechen, um sie bei den Veranstaltungen zu vermischen. Der besondere Vorteil des Themas Ernährung ist, dass sie jeden betrifft. Die unsichtbaren Grenzen im Alltag werden bei Subkulinaria zur Diskussion gestellt. Menschen, die normalerweise keinen Zugang zu Kunst haben oder sich wenig für Biolandwirtschaft interessieren, sind für uns die wichtigste Zielgruppe. Einige Veranstaltungen werden an öffentlichen Orten in der Peripherie der Stadt stattfinden: Wir wollen zu den Menschen gehen – und nicht warten, dass sie zu uns kommen. Subkulinaria verfolgt einen starken partizipativen Ansatz, bei dem das Publikum auch zum Autor werden kann. Die Botschaften werden nicht gepredigt, sondern von den Beteiligten selbst gelebt und dadurch ständig weiterentwickelt. Zum Beispiel werden soziale und ökologische Prinzipien auch im Veranstaltungsmanagement berücksichtigt. Subkulinaria wird dadurch selbst zu einem Labor mit Vorbildfunktion. Das Motto: Gemeinsam realisieren, was uns fehlt. Mit Subkulinaria „er-leben“ wir eine idealistische Leidenschaft: Das ist unser bestes Verkaufsargument.

Aktivitäten

Subkulinaria gliedert sich in acht verschiedene Veranstaltungselemente, die wir Module (MD) nennen:

  • Biokulturdemo und Fest
  • Kunstausstellung
  • darstellende Künste und Musik
  • Generationen machen Schule
  • Filmreihe
  • Literatur und Genuss
  • Sommerakademie
  • Reflexion des Prozesses und Symposium

Theoretisch sollte die besondere „Vermarktung“ des Projektes als neuntes Modul betrachtet werden. In den Monaten vor dem Projektstart werden zum Beispiel getarnte Schauspieler in den Alltag der Kölner Verbraucher künstlerisch eingreifen – und damit eine Spannung in der Stadt erzeugen, die die Aufmerksamkeit für das Projekt erhöhen soll. Auftakt von Subkulinaria bildet, wie bereits erwähnt, ein symbolischer Umzug, bei dem Kulturschaffende, Performer, Verbraucher sowie Biolandwirte mit ihren Tieren vom Land in die Stadt ziehen werden und am Ende in ein Stadtfest münden. Das mediale Potenzial des Events soll allen Modulen von Subkulinaria zugute kommen. Die Kunstausstellung wird an verschiedenen ungewöhnlichen Orten stattfinden. Daran beteiligen sich Maler, Fotografen, Medienkünstler, Bildhauer, usw. aus verschiedenen Ländern, wobei der Schwerpunkt auf den Mittelmeer-Partnerstädten von Köln liegt (u.a. Turin, Barcelona, Istanbul).

Das Modul „darstellende Künste und Musik“ hat ebenso einen internationalen Charakter. Bei kulinarischen Konzerten und Theateraktionen stehen künstlerischer Anspruch und Bürgerengagement Seite an Seite.

Bei dem Modul „Generationen machen Schule“ werden Senioren aufgerufen, Alltagsgeschichten über die Ernährung in den Jahren 1930-1980 aufzuschreiben. Kinder und Jugendliche sollen sich hingegen vorstellen, wie die Ernährung der Zukunft (2030-2080) aussehen wird. Die besten Geschichten werden bei der Auftaktveranstaltung vorgelesen und prämiert.

Handyvideos über ein „typisches Abendessen mit den Eltern“ stellen hingegen den dokumentarischen Rahmen der Sommerakademie dar. Sie sollen Einblicke in das Private der Ernährung verschaffen – und damit eine Brücke zu den globalen Themen der Vortragsreihe schlagen. In sechs Veranstaltungen behandelt die Sommerakademie folgende Themen (u.a.): Fast Food vs. Slow Food – Gesellschaftsentwürfe am Esstisch; Ernährung und soziale Ungleichheit; Woher kommt unser Essen?

Neben der Filmreihe möchten wir Nischenliteratur mit Genuss verbinden.

Weil der Prozess bei Subkulinaria einen hohen Stellenwert hat, wurde ein achtes Modul konzipiert: Das interdisziplinäre „Reflecting Team“. Der Begriff „Reflecting Team“ kommt aus dem systemischen Coaching-Ansatz. Das Team besteht aus 5-6 Personen und erfüllt verschiedene Aufgaben: den Prozess von außen zu beobachten, zu analysieren und zu dokumentieren; Coaching und Supervision der Modulleiter; Inputs liefern, die die Qualität von Subkulinaria steigern können. Das Team soll nach der Veranstaltungsreihe ein Symposium veranstalten, bei dem die gesammelte Erfahrung an Institutionen und Multiplikatoren vermittelt wird.

Organisation

Jedes Modul verfügt über ein eigenständiges kompetentes Team, das für die Realisierung verantwortlich ist. Die Modulleiter koordinieren sich in einer Gesamtkoordination. Ein Staff (zu deutsch: Stabstelle), auch ?Agentur Cultura21″ genannt, kümmert sich um die horizontalen Aufgaben wie Fundraising, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder Buchhaltung. Alle Beteiligten kommen in verschiedenen Workshops zusammen in denen relevante Themen gemeinsam vertieft und diskutiert werden (siehe interne Weiterbildung, Wissenstransfer).

Team (u.a.)

Zur Projektgruppe Subkulinaria gehören zurzeit 21 Personen aus Köln und Umgebung. Die Zusammenarbeit zwischen einigen Mitgliedern hat sich bereits bei vorherigen Pro- 7 – jekten bewährt und wird mit Subkulinaria fortgesetzt. Gute Kontakte sind in Turin und Barcelona, sowie zu der Organisation „Slow Food“ vorhanden. Cultura21 vertritt offiziell das Projekt „Il Gambero Nero“ in Deutschland. Das erste Treffen der Projektgruppe Subkulinaria fand im Januar 2007 statt. An den 2-3 Treffen pro Monat haben selten weniger als zehn Personen teilgenommen. Die Motivation ist bei allen Teilnehmern sehr hoch. Die Leiter der meisten Module stehen inzwischen fest.

Cultura21

Offizieller Veranstalter von Subkulinaria ist das Institut Cultura21 e.V. Durch Cultura21 bekommt Subkulinaria eine langfristige Perspektive. Die beteiligten Akteure werden sich vernetzen, können dadurch zusätzliche Synergien bilden und in weiteren Projekten zusammenarbeiten.

Termine

· 25. Juli 2008, Köln: Treffen der Projektgruppe „Subkulinaria“
· 08. August 2008, Köln: Vernissage Subkulinaria
· 09.-10.; 15.-17. August 2008, Köln: Kunstausstellung Subkulinaria

Kontakt
Davide Brocchi
Dipl.-Soz.Wiss.
Institut Cultura21 e.V.
E-Mail: davide.brocchi (at ) cultura21.de